ACWR: das Belastungsverhältnis berechnen und richtig einordnen
Der ACWR (Acute Chronic Workload Ratio) setzt die Belastung der letzten Woche ins Verhältnis zu dem, was ein Athlet aus den Wochen davor gewohnt ist. Dieser Ratgeber zeigt, wie das Belastungsverhältnis berechnet wird, woher die bekannten Schwellen stammen und was Studien über seine Aussagekraft sagen.
Der ACWR teilt die akute Last der letzten Woche durch die chronische Last, das Mittel der letzten vier Wochen.
Rollierendes Mittel oder EWMA, gekoppelt oder entkoppelt: Der Rechenweg verändert den Wert für dieselbe Woche.
Die Schwellen 0,8 bis 1,3 und 1,5 stammen aus wenigen Teamsportarten und gelten nicht allgemein.
In Studien hing ein hoher ACWR auf Gruppenebene mit mehr Verletzungen zusammen. Für Einzelne taugt er nicht als Vorhersage.
Er zeigt, wie die aktuelle Belastung zur gewohnten steht: ein Hinweis für das Gespräch zwischen Trainer und Athlet.
Tletify rechnet standardmäßig mit entkoppeltem EWMA über 7 und 28 Tage. Den Wert sehen nur Trainer mit Pro oder Team.
Definition
Acute Chronic Workload Ratio: was der ACWR misst
Der ACWR vergleicht zwei Zeiträume derselben Lastgröße, zum Beispiel der Trainingslast aus Dauer mal RPE in AU (Arbitrary Units). Die akute Last ist die Belastung der letzten Woche. Die chronische Last ist das Mittel der letzten vier Wochen und steht für das, was ein Athlet gewohnt ist. Teilt man die akute durch die chronische Last, erhält man den ACWR.
ACWR = akute Last ÷ chronische Last akute Last = Last der letzten 7 Tage (AU) chronische Last = mittlere Wochenlast der letzten 4 Wochen (AU)
Eingeführt haben diese Rechnung Hulin et al. (2014) in einer Studie mit 28 Cricket-Werfern: eine Woche als akute Last, das rollierende Mittel aus vier Wochen als chronische Last. Große Sprünge der akuten Last gingen dort mit mehr Verletzungen einher.
Hulin et al. (2016) untersuchten das Verhältnis danach bei 53 Spielern der Rugby League über zwei Saisons. Werte über 1 bedeuten mehr akute als chronische Last, Werte unter 1 weniger. Ein ACWR von 1,5 heißt: Die letzte Woche lag 50 Prozent über dem Vierwochenmittel.
Rechenwege
ACWR berechnen: rollierendes Mittel, EWMA und Kopplung
Für die chronische Last gibt es zwei verbreitete Rechenwege. Das rollierende Mittel gewichtet jeden Tag im Fenster gleich. Williams et al. (2017) schlugen stattdessen einen exponentiell gewichteten gleitenden Mittelwert (EWMA) vor: Jeder Tag zählt, aber je weiter er zurückliegt, desto weniger. Bei Murray et al. (2017) zeigte das EWMA den Zusammenhang hoher Werte mit Verletzungen empfindlicher an.
Dazu kommt die Kopplung. Gekoppelt heißt: Die aktuelle Woche steckt auch im chronischen Mittel und steht damit im Zähler und im Nenner. Lolli et al. (2019a) zeigten, dass das Scheinkorrelationen erzeugt. Entkoppelt wird die aktuelle Woche nur mit den Wochen davor verglichen. In der Übersicht von Andrade et al. (2020) rechneten 95 Prozent der Studien gekoppelt.
Größe
Wert
Rechnung
Woche 1
2.000 AU
chronisches Fenster
Woche 2
2.200 AU
chronisches Fenster
Woche 3
2.100 AU
chronisches Fenster
Woche 4
2.300 AU
chronisches Fenster
Woche 5 (aktuell)
3.000 AU
akute Last
Chronische Last
2.150 AU
(2.000 + 2.200 + 2.100 + 2.300) ÷ 4
ACWR
1,40
3.000 ÷ 2.150 (gerundet)
Rechenbeispiel mit rollierendem Mittel, entkoppelt: Die aktuelle Woche zählt nicht zum chronischen Mittel. Wochenlast in AU.
Gekoppelt gerechnet, also mit der aktuellen Woche im chronischen Fenster (Wochen 2 bis 5), läge das chronische Mittel bei 2.400 AU und der ACWR bei 1,25. Dieselbe Woche liegt damit einmal über und einmal unter der Schwelle von 1,3, um die es im nächsten Abschnitt geht. Vergleiche deshalb nur Werte, die auf dieselbe Weise berechnet wurden.
Schwellenwerte
Woher die ACWR-Schwellen 0,8, 1,3 und 1,5 kommen
Die bekanntesten Zahlen gehen auf Gabbett (2016) zurück. Er nannte Werte zwischen 0,8 und 1,3 den „sweet spot“ des Trainings und Werte ab 1,5 die „danger zone“. Die Abbildung dazu übernahm er aus Blanch und Gabbett (2016). Die Daten dahinter stammen aus Cricket, Australian Football und Rugby League.
In derselben Arbeit vertrat Gabbett die These, dass Athleten mit hoher, gewohnter Last weniger Verletzungen haben; das Problem seien eher übermäßige und schnelle Steigerungen. Passend dazu waren bei Hulin et al. (2016) Spieler mit hoher chronischer Last bei Werten zwischen 0,85 und 1,35 weniger anfällig für Verletzungen.
Gabbett schränkte selbst ein: Andere Sportarten könnten andere Zusammenhänge zwischen Last und Verletzungen zeigen. Solange mehr Daten fehlen, solle man die Empfehlungen bei Athleten aus Einzelsportarten nur mit Vorsicht anwenden. Die Schwellen sind also Beobachtungen aus wenigen Teamsportarten, keine allgemeingültigen Grenzen.
Kritik
Kritik am ACWR: Statistik, Rechenweg, fehlende Belege
Menaspà (2017) stellte früh infrage, ob rollierende Mittelwerte die Trainingslast im Hinblick auf Verletzungen sinnvoll abbilden. Lolli et al. zeigten, dass die gekoppelte Rechnung Scheinkorrelationen erzeugt (2019a), und stellten das Verhältnis als ungenauen Skalierungsindex für eine unnötige Normierung infrage (2019b).
Laut Impellizzeri et al. (2020) gibt es keinen Beleg dafür, den ACWR in Systemen zur Belastungssteuerung oder für Trainingsempfehlungen zu nutzen, die auf weniger Verletzungen zielen. Das Verhältnis füge Rauschen hinzu und erzeuge statistische Artefakte. Im Journal of Athletic Training beschrieb dieselbe Gruppe zehn methodische Problemfelder und riet Praktikern, sich weiter auf Fachwissen und Erfahrung zu stützen.
Wang et al. (2020) nennen für das EWMA ein Startproblem bei den ersten Werten einer Reihe und halten es für ungeeignet in Sportarten mit Tapering, also dem geplanten Abbau der Last vor Wettkämpfen. Ihr Fazit: Diese Grenzen sprächen gegen den Einsatz des ACWR. Impellizzeri et al. (2021) erhielten sogar mit erfundenen chronischen Werten ähnliche Ergebnisse und empfahlen, den ACWR als Rahmen und Modell aufzugeben.
Studienlage
Was Übersichtsarbeiten zum ACWR zeigen
Mehrere systematische Übersichten und Metaanalysen haben die Einzelstudien zusammengefasst. Das Bild ist gemischt: Auf Gruppenebene zeigt sich immer wieder ein Zusammenhang mit Verletzungen. Rechenwege und Einteilungen unterscheiden sich aber so stark, dass sich daraus kaum klare Empfehlungen ableiten lassen.
Arbeit
Datenbasis
Kernaussage
Griffin et al. (2020)
22 Studien
Zusammenhang mit Verletzungen ohne Fremdeinwirkung; EWMA als geeigneteres Maß; Einsatz nur als Teil eines breiteren Monitorings
Andrade et al. (2020)
20 Studien, 1.234 Athleten, nur Männer
Mehrheitlich mehr Verletzungen bei höheren Werten; 14 verschiedene Einteilungen der Werte begrenzen die Empfehlungen
Maupin et al. (2020)
27 Studien
Tendenz zu den wenigsten Verletzungen bei 0,80 bis 1,30; offene Probleme der Methode
Jiang et al. (2022)
Profifußball der Männer
Möglicher Zusammenhang mit Verletzungen ohne Fremdeinwirkung; keine Schwelle ermittelbar
Ding et al. (2026)
16 Studien, 797 Athleten
Kleiner bis mittlerer Zusammenhang (g = 0,35), Studien sehr uneinheitlich; nicht als alleiniges Modell geeignet
Systematische Übersichten und Metaanalysen zum ACWR, Aussagen sinngemäß
Ding et al. (2026) raten davon ab, den ACWR als alleiniges Ursache- oder Vorhersagemodell zu nutzen. Sie sehen ihn als Kontextwert in einem individuellen Monitoring mit mehreren Kennzahlen. Warum eine Vorhersage für Einzelne kaum gelingt, erklärt Bahr (2016): Selbst bei einem klaren Zusammenhang überlappen sich die Gruppen mit hohem und niedrigem Risiko stark.
Einordnung
Was der ACWR kann und was nicht
Der ACWR beschreibt, wie die aktuelle Belastung zur gewohnten steht. Auf Gruppenebene gibt es in Teamsport-Studien einen kleinen bis mittleren Zusammenhang mit Verletzungen (Andrade et al., 2020; Ding et al., 2026). Als ein Baustein unter mehreren im Monitoring ist er nutzbar (Griffin et al., 2020).
Für einzelne Athleten sieht es anders aus. Die Fläche unter der Kurve (AUC) misst, wie gut ein Wert Athleten mit und ohne spätere Verletzung trennt: 0,5 entspricht dem Zufall, 1,0 einer perfekten Trennung. In zwei Studien im Profifußball lag sie bei 0,53 bis 0,60 (McCall et al., 2018; Fanchini et al., 2018). Impellizzeri et al. (2021) fanden mit der vergleichbaren c-Statistik 0,57 für den ACWR und 0,54 für die akute Last allein.
Keine Vorhersage für einzelne Athleten
Kein Beleg, dass sich über den Wert Verletzungen steuern lassen
Keine allgemeingültigen Grenzwerte, nur Beobachtungen aus wenigen Teamsportarten
Rechenweg und statistische Artefakte des Verhältnisses beeinflussen den Wert
Wenig aussagekräftig beim Tapering und in der Startphase des EWMA
Daraus folgt eine nüchterne Lesart: Der ACWR zeigt, ob die Belastung der letzten Woche deutlich über dem liegt, was ein Athlet gewohnt ist. Er ist ein Hinweis für das Gespräch zwischen Trainer und Athlet, keine Verletzungsprognose. Was hinter einem auffälligen Wert steckt, klärst du direkt mit dem Athleten, etwa mit Blick auf den Tagescheck.
So rechnet Tletify
So berechnet Tletify das Belastungsverhältnis (ACWR)
Grundlage ist die Tageslast nach der sRPE-Methode: Dauer in Minuten mal RPE auf einer Skala von 0 bis 10, in AU. Wie du sie sauber erhebst, erklärt der Ratgeber sRPE und Trainingsbelastung. Standard ist das entkoppelte EWMA-Modell mit 7 Tagen akut und 28 Tagen chronisch; Ruhetage zählen als 0.
Tletify glättet mit dem Faktor λ = 2/(N + 1), wobei N die Fensterlänge in Tagen ist. Der chronische Wert stammt von vor 7 Tagen, die aktuelle Woche steckt also nicht darin. Fenster, Modell (EWMA oder rollierend) und Schwellen stellst du je Athlet ein.
EWMAheute = λ × Tageslastheute + (1 − λ) × EWMAgestern λ = 2 ÷ (N + 1): akut (N = 7) 0,25, chronisch (N = 28) rund 0,069 ACWR = akutes EWMA von heute ÷ chronisches EWMA von vor 7 Tagen
Kein Verhältnis, solange die chronische Last unter 30 AU pro Tag liegt
„Zu wenig Daten“ unter 8 Einheiten in 28 Tagen oder unter 50 % mit echtem RPE
Nach einer Pause bleibt das Verhältnis verborgen, bis die Basis wieder steht
Den Wert sehen nur Trainer mit Pro oder Team, Athleten nie
Die Standardschwellen ordnen nur ein: Unter 0,8 liegt die Belastung unter dem gewohnten Rahmen, bis 1,3 im gewohnten Rahmen, bis 1,5 darüber und oberhalb von 1,5 deutlich darüber. So siehst du, wann eine Woche aus der Reihe fällt; was daraus folgt, entscheidest du. Die Kennzahlen sind eine Entscheidungshilfe für Trainer und ersetzen keine ärztliche Beurteilung.
Im Makrozyklus zeigt Tletify außerdem den ACWR (Plan). Er entsteht aus geplantem Wochenvolumen mal geplanter Intensität und ist bewusst keine Ist-Last, sondern ein Blick auf den Plan: Du siehst, wie sich die geplante Belastung im Verhältnis zu den Wochen davor entwickelt.
ACWR-Rechner als Vorlage
Die Vorlage rechnet wie Tletify: Du trägst die Tageslasten in AU ein, Ruhetage als 0. Sie zeigt das entkoppelte EWMA über 7 und 28 Tage, zum Vergleich das rollierende Mittel, kein Verhältnis, solange der chronische Wert unter 30 AU pro Tag liegt, und die Einordnung an den Schwellen 0,8, 1,3 und 1,5.
Einen allein richtigen gibt es nicht. Das EWMA gewichtet jüngere Tage stärker und gilt in einer Übersichtsarbeit als das geeignetere Maß (Griffin et al., 2020). Entkoppelt gerechnet steht dieselbe Woche nicht zugleich im Zähler und im Nenner (Lolli et al., 2019a). Wichtiger als die Wahl ist, dass du immer gleich rechnest.
Warum zeigt Tletify manchmal keinen ACWR an?
Weil eine Zahl aus wenigen Daten genauso sicher aussieht wie eine aus vielen. Bei weniger als 8 abgeschlossenen Einheiten in 28 Tagen oder wenn weniger als die Hälfte davon ein echtes RPE hat, steht dort „Zu wenig Daten“. Liegt die chronische Last unter 30 AU pro Tag, etwa nach einer Pause, bildet Tletify kein Verhältnis, bis die Basis wieder steht.
Sehen Athleten ihren ACWR?
Nein. Den ACWR sehen nur Trainer mit Pro oder Team, etwa in der Analyse und in der ACWR-Karte im Dashboard. Athleten sehen ihn in ihrer Oberfläche nie, weder in der Webapp noch in der App. Daten eines Athleten siehst du nur mit seiner ausdrücklichen Freigabe. Mehr dazu auf der Seite Belastungssteuerung.
Ab welchem ACWR sollte ich die Belastung anpassen?
Einen allgemeingültigen Grenzwert gibt es nicht. Die Schwellen 0,8 bis 1,3 und 1,5 stammen aus wenigen Teamsportarten (Gabbett, 2016), und Andrade et al. (2020) fanden 14 verschiedene Einteilungen. Ein auffälliger Wert ist ein Anlass, mit dem Athleten zu sprechen und den Plan zu prüfen. Die Entscheidung triffst du.
Quellen
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